Muss die Gegebenheit des Subjekts eine Gegebenheit als Subjekt sein?

Abstract

Dieses Paper bildet den Text eines Vortrags, den ich am 22.sten Juni, 2018, auf dem Workshop „Philosophischer Askriptivismus“ (21..sten bis 22..sten, 2018) an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster, gehalten habe.

I. Bewusstsein als Selbstbewusstsein

Seit etwa 25 Jahren ist in der Sprachanalyse von Bewusstsein die Rede. Darunter wird jene Beschaffenheit von zumindest gewissen mentalen Zuständen und Erlebnissen verstanden, die dafür verantwortlich ist, dass das Subjekt des Zustands im alltäglichen Sinn sich bewussterweise in dem Zustand befindet bzw. ihm das Erlebnis bewussterweise widerfährt. (Der Kürze halber werde ich jetzt nur noch von Zuständen sprechen, da sich alles von Zuständen Gesagte mutatis mutandis auf Erlebnisse übertragen lässt.) In der Literatur gibt es drei miteinander konkurrierende Auffassungen davon, worin diese Beschaffenheit, die ich die Bewusstheit nennen möchte, besteht: erstens, die sogenannte „Zustand höherer Ordnung“ Auffassung, zweitens, die neo-Brentanische, und drittens, gewissermaßen von außen herkommend, die von dem Phänomenologen Dan Zahavi favorisierte, die er die phänomenologische nennt,1 weil sie sich nicht nur bei Sartre, auf den sich Zahavi ausdrücklich beruft, sondern seiner Meinung nach bei allen Angehörigen der phänomenologischen Tradition irgendwie vorfindet.

Nun zeichnen sich alle drei Auffassungen durch eine wichtige Annahme aus, nämlich, dass die Bewusstheit eines mentalen Zustands z in einem Bewusstsein z’ von z besteht. Sie gehen bloß darin auseinander, ob die Zustände z’ und z verschieden sind: Nach der „Zustand höherer Ordnung“ Auffassung sind sie verschieden, nach den anderen zwei nicht. Dabei unterscheidet sich die angeblich phänomenologische von der neo-Brentanischen dadurch, dass jene eine weitere Annahme dieser ablehnt. Die neo-Brentanische Auffassung geht nämlich davon aus, dass die Bezogenheit von z’ auf z eine echt intentionale ist, d.h. eine Bezogenheit in genau demselben Sinn, in dem der Zustand z, falls er überhaupt ein intentionaler ist, sich auf etwas bezieht.2 Dagegen meint die angeblich phänomenologische, es könne sich nur um eine nicht-intentionale, nicht setzende präreflexive Bezogenheit handeln.

In diesem Vortrag geht es mir nicht darum, die drei Positionen ausführlich darzustellen und auszuwerten. Vielmehr will ich ihre gemeinsame Annahme problematisieren, dass die Bewusstheit eines mentalen Zustands z in einem Bewusstsein von z besteht. Ich setze bei dem Versuch von Zahavi an, diese Annahme zu rechtfertigen.

II. Affektive und Erstpersonale Gegebenheit

Zahavi zufolge sind alle bewussten mentalen Zustände und Erlebnisse in dem Sinn subjektiv, „dass es eine bestimmte Weise gibt, in der sie sich dem Subjekt … geben, dessen Episoden sie sind.“ (Zahavi 2009, S.555) Diese subjektive Gegebenheit versteht Zahavi zunächst so: bewusste mentale Zustände und Erlebnisse „feel like something for somebody,“ d.h., sie fühlen sich jemandem wie etwas an. Daraufhin aber spricht er von einer „erstpersonalen Gegebenheit,“ sogar von einem „Für-mich-Sein von Erfahrung.“ (Zahavi 2009, S.556; Kursivierung von mir) Wenn man einen Tisch bewusst wahrnimmt, so widerfährt einem etwas, das „ … durch eine erstpersonale Gegebenheit gekennzeichnet ist … ,“ das also insofern „ein Beispiel für eine Art Selbsterfahrung [self-experience]“ darstellt. (Zahavi 2009, S.557; Kursivierung von mir)

An diesem Gedankengang ist also zweierlei auffallend: erstens, er enthält zwei Bestimmungen dessen, worin der Charakter eines bewussten mentalen Zustands als bewusst besteht. Zum einen ist ein mentaler Zustand genau dann bewusst, wenn derjenige, der sich objektiv in ihm befindet, subjektiv erlebt, wie es ist, sich in ihm zu befinden. Es gehört zur Bewusstheit in diesem Sinn, dass, wie sich Zahavi ausdrückt, das Subjekt gleichsam als Dativobjekt auftritt:3 Das Subjekt erlebt, wie es ihm ist. Dieser Begriff von Bewusstheit als einer affektiven Gegebenheit des Subjekts in seinem Zustand geht bekanntlich auf Thomas Nagel4 züruck. Zum anderen ist ein mentaler Zustand genau dann bewusst, wenn derjenige, der sich in ihm befindet, sich irgendwie dessen bewust ist, dass er sich in ihm befindet. Das ist die Bewusstheit im Sinne einer erstpersonalen Gegebenheit des Zustands samt seinem Subjekt, m.a.W., einer Gegebenheit des Subjekts als Subjekt und die Gegebenheit seines Zustands als seines. Zweitens, der Gedankengang selbst ist eine Schlussfolgerung: daraus, dass das Subjekt eines mentalen Zustands erlebt, wie es ist, sich in dem Zustand zu befinden, wird gefolgert, dass sich dieses Subjekt irgendwie seiner gewahr wird.5

Was die zwei Bestimmungen der Bewusstheit jeweils beinhalten könnten, wird unten ausführlicher besprochen.6 Zunächst weise ich nur darauf hin, dass es tatsächlich um zwei Bestimmungen handelt, deren Zusammenhang nicht unmittelbar einleuchtet. Insofern scheint der Übergang von der affektiven zu der erstpersonalen Gegebenheit, in dem der Gedankengang selbst besteht, ein Fehlschluss, ja ein Paralogismus zu sein. Gibt es denn eine Prämisse, die, weil sie den Übergang gültig macht, Zahavi rekonstruktiv unterstellt werden darf? In der Tat, und sie lässt sich herausstellen, indem wir auf das Standardargument für eine These zurückgreifen, die zur Selbstverständlichkeit der heutigen Sprachanalyse geworden ist.

III. Das Standardargument für Wesentliche Indexikalität

Seit dem Erscheinen 1979 eines berühmten Artikels von John Perry gehen viele davon aus, dass manche intentionalen Zustände wesentlich indexikalisch sind. Wäre das nicht so, so Perry selbst, dann liesse sich nicht erklären, warum, „wenn wir beide erkennen, dass mich ein Bär anzugreifen droht, wir uns jeweils verschieden verhalten.“ (Perry 1977, p.4947).” (S.49) Ich rolle mich ein,8 während Du nach Hilfe rufst. Im Allgemeinen scheint vielen folgendes Argument zwingend zu sein:

Prämisse 1: Zwei Akteure können dieselben9 impersonalen intentionalen Zustände haben und dennoch verschiedene Handlungen vollziehen.

Unter einem impersonalen intentionalen Zustand verstehe ich einen, dessen Gehalt derart ist, dass sich ein jeder darin befinden könnte. Wir können z.B. alle glauben, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin ist. Und wir können alle wollen, dass Angela Merkel nicht abgewählt wird. Es handelt sich also um impersonale Formen der Intentionalität. Dagegen ist die Meinung von Merkel selbst, dass sie Bundeskanzlerin ist, wie auch ihr vermutliches Wollen, dass sie nicht abgewählt wird, nicht in diesem Sinn impersonal; das anaphorisch verwendete drittpersonale Pronomen ‘sie’ deutet darauf hin, dass die Identität des Gehalts an die Identität des Subjekts gebunden ist, weshalb sich nur Merkel in diesen Zuständen befinden kann.

Prämisse 2: Die Verschiedenheit ihrer Handlungen ist auf eine Verschiedenheit der intentionalen Zustände zurückzuführen, die den Handlungen jeweils zugrundeliegen.

Aus diesen zwei Prämissen ergibt sich Folgendes, gewissermaßen als Lemma:

Lemma: Die Verschiedenheit der intentionalen Zuständen, die den Handlungen jeweils zugrundeliegen, ist eine Verschiedenheit intentionaler Zustände, die nicht impersonal, mithin personal sind, und diese verschiedenen personalen Zustände sind für die Handlungsverschiedenheit verantwortlich.

Prämisse 3: Diese personalen intentionalen Zustände sind in dem Sinn personal, dass sie erstpersonal, mithin indexikalisch sind.

Diese dritte Prämisse beinhaltet, gleichsam als ihre Kehrseite, dass die anaphorisch-drittpersonale Darstellung der Gehalte dieser Zustände nichts mehr ist als eine Darstellungs- bzw. Erscheinungsweise. Sie stellt dar, wie etwas an sich Erstpersonales für uns ist.

Schluss: Die zwei Akteure befinden sich z.T. in jeweils verschiedenen erstpersonalen, folglich indexikalischen intentionalen Zustände und diese sind für die Verschiedenheit ihrer Handlungen verantwortlich.

Damit sind wir bei wesentlicher Erstpersonalität bzw. Indexikalität angelangt.10

An diesem Argument fällt nun zweierlei auf: erstens, die eigentliche Pointe des Standardarguments für wesentliche Indexikalität, nämlich, dass Handlung und Handlungserklärung mehr als eine bloß impersonale Intentionalität erfordern, ist schon mit dem Lemma erreicht. Von daher können wir sagen, dass die Intuitionen, die die Rede von wesentlicher Indexikalität motivieren, eigentlich gar nichts mit Indexikalität zu tun haben. Denn es geht nicht um die Erstpersonalität, folglich nicht um die Indexikalität, sondern um die Personalität von intentionalen Zuständen. Erst indem man Prämisse 3. heranzieht, wird aus Personalität Erstpersonalität und damit auch Indexikalität. Zweitens, in ähnlicher Weise wie das Standardargument zieht Zahavi aus etwas, was drittpersonal dargestellt ist, ein erstpersonales An-sich-Sein. Also auch Zahavi pflichtet zumindest einer Variante von Prämisse 3. bei. Nur dann ist sein Gedankengang triftig und kein Fehlschluss.

Ist aber Prämisse 3. wahr? Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst klären, was unter einem erstpersonalen bzw. indexikalischen intentionalen Zustand zu verstehen ist. Das ist auch in der Literatur gesehen worden, allerdings nur unklar und unter einer wichtigen Einschränkung: es wird lediglich nach dem Wesen eines indexikalischen, insbesondere eines erstpersonalen kognitiven Zustands gefragt; die allgemeinere Frage wird gar nicht gestellt. Halten wir uns also an diese eigentlich recht willkürliche Einschränkung: Was ist „indexical“, insbesondere „first person belief“? Eines kann es nicht sein: das explizite und insbesondere das erstpersonale Denken in dem Sinn, dass einem ein erstpersonaler Gedanke bzw. Satz durch den Kopf geht oder gar einfällt. Das bekannte Beispiel von Perry verdeutlicht, was damit gemeint ist: aus seiner Überraschung heraus hört sich Perry gleichsam im Kopf behaupten, „Ich bin es, der die Sauerei macht!“ Dass so etwas nicht das sein kann, was man mit „first person belief“ meint, erhellt sich schon daraus, dass „first person belief“ ganz allgemein vorkommen soll, nämlich als die Quelle alles Handelns. Offensichtlich wird nicht alles Handeln durch ein explizites erstpersonales Denken veranlasst bzw. begleitet. Ferner, manche Wesen sind eines solchen Denkens gar nicht fähig und dennoch muss man ihnen zur Erklärung ihres Verhaltens „first person belief“ oder zumindest Wahrnehmung zuschreiben. Warum lief der kleine Mops weg? Weil er sah, wie ein aggressiver Pitbull knurrend auf ihn zuraste. Auch hier ist das anaphorisch verwendete drittpersonale Pronomen unerlässlich, was angesichts Prämisse 3. auf die Zuschreibung von „first person belief“ bzw. Wahrnehmung hinausläuft.11

Aus solchen Gründen ist die gängige Antwort auf die Frage nach dem Wesen von „indexical“ und insbesondere „first person belief“ eine dispositionelle:12

Ein Subjekt A befindet sich dann und nur dann in dem indexikalischen und insbes. erstpersonalen Zustand des Glaubens, dass es F ist, wenn A durch diesen Zustand dazu disponiert ist, den Satz „Ich bin F“ zu äußern.13

Doch keine dispositionelle Bestimmung, sofern sie behauptet, ursprünglich zu sein, kann gelingen. Schliesslich bleibt eine dispositionelle Bestimmung solange unvollständig, als man es unterlässt, die Umstände anzugeben, die die Disposition auslösen. Und zu diesen Umständen muss gehören, dass das Subjekt A wirklich durchsichtig machen will, dass es glaubt, dass es F ist. Würde nämlich dieses Wollen fehlen, so könnte A dazu disponiert sein, einen Satz zu äußern, die seinen kognitiven Zustand und dessen Gehalt nicht wiedergibt, sondern geradezu verbirgt. Ja, ohne dieses Wollen könnte die Disposition, überhaupt etwas nicht bloss zu äußern, sondern zu behaupten, gänzlich fehlen. Tatsächlich lässt sich die einschlägige Disposition von A nur vollständig charakterisieren als eine, den erstpersonalen Satz „Ich bin F“ zu äußern, um aufrichtig zu behaupten, dass es F ist. Und das unterstellt, dass A glaubt, dass es F ist. Daran zeigt sich, dass jede dispositionelle Bestimmung jenes Phänomens, das man „first person belief“ zu benennen beliebt, eine strukturelle voraussetzt, die, gerade weil sie sich oratio obliqua vollzieht, die anaphorische Verwendung eines drittpersonalen Pronomens verlangt.14 Anders ausgedrückt, die Charakterisierung oratio recta, nämlich „A glaubt, „Ich bin F,““ hat die Charakterisierung oratio obliqua, d.i., „A glaubt, dass er F ist,“ zur Voraussetzung. Natürlich kann man das gemeinte Phänomen dispositionell charakterisieren. Man kann es auch oratio recta charakterisieren, wie überall in der Literatur geschieht, denn die Charakterisierung oratio recta läuft im Grunde auf eine dispositionelle hinaus. Doch keine dieser Weisen, das Phänomen zu charakterisieren, sind ursprünglich; die anaphorisch-drittpersonale geht ihnen beiden ontologisch voraus.

Daraus folgt, dass Prämisse 3. falsch ist. Und das gilt unbeschadet der Antwort, die Perry später auf die Frage nach dem Wesen von „first person belief“ gibt, nachdem er die Schwächen seiner eigenen früheren dispositionellen Analyse eingesehen hat.15 Seit etwa 1990 redet er von sogenannten Selbstbegriffen („self-notions“). Ein Selbstbegriff soll der referierende Bestandteil in jedem Gehalt eines kognitiven Zustands sein, den das Subjekt des Zustands mit einem erstpersonalen Satz ausdrücken würde. Im Grunde ist ein Selbstbegriff, so Perry selbst,16 ein mentales Analogon des erstpersonalen Pronomens.17 Doch die Feststellung, dass die strukturelle Charakterisierung oratio obliqua der erstpersonalen, folglich auch indexikalischen Charakterisierung oratio recta ontologisch vorausgeht, gilt für jede Sprache, dessen ungeachtet, ob sie öffentlich oder mental ist.18 Schließlich entspricht die Verarbeitung bzw. Speicherung eines mentalen Satzes im Gehirn allenfalls nur dem bloßen Äußern eines öffentlich zugänglichen Satzes bzw. der Disposition, diesen Satz zu äußern. Also, genauso wenig wie die Behauptung des öffentlich zugänglichen Satzes „Ich bin F“ als ein Äußern desselben ausgelegt werden kann, ohne den nur durch den Satz „dass es F ist“ anaphorisch auszudrückenden Gehalt vorauszusetzen, lässt sich das Glauben von A, dass es F ist, als bloß die Verarbeitung bzw. Speicherung des mentalen Satzes „Ich bin F“ analysieren.

Die Falschheit von Prämisse 3. bedeutet, dass die anaphorisch drittpersonale Charakterisierung kein bloßes Für-uns-Sein einer an sich seienden erstpersonalem Wirklichkeit ist. Da aber die Personalität des Glaubens von A, dass er F ist, nur an sich erstpersonal oder an sich drittpersonal sein kann;19 da ferner die drittpersonal-anaphorische Charakterisierung oratio obliqua von der erstpersonal-indexikalischen oratio recta nicht abhängt, wie schon das Beispiel von dem kleinen Mops zeigte:20 muss man Prämisse 3. nicht nur verneinen, sondern auch darüber hinaus eine ihr konträre bejahen:

Prämisse 3*: Die im Lemma des Standardarguments erwähnten personalen intentionalen Zustände sind in dem Sinn personal, dass sie in ihrem Ansichsein anaphorisch-drittpersonal und deshalb nur so zu charakterisieren sind.

Damit sind wir zu einer These gelangt, die die herkömmliche These der wesentlichen (erstpersonalen) Indexikalität ablösen kann und soll; einer These, die ich, freilich etwas salopp, die These von wesentlicher Anaphora nennen möchte: Es gibt intentionale, insbesondere kognitive Zustände, die in dem Sinn wesentlich anaphorisch-drittpersonal sind, dass zu ihrer völlig durchsichtigen, ursprünglichen, d.h. nicht abgeleiteten Darstellung die anaphorisch-drittpersonale Charakterisierung erforderlich ist.21 In diesem Sinn sind sie anaphorisch-drittpersonal.

Diese These hat eine wichtige Folge.22 Wenn wir nämlich anerkennen, dass es eine Art Intentionalität gibt, die unhintergehbar anaphorisch-drittpersonal ist, die auch dort vorkommen kann, wo nicht einmal die Fähigkeit zur Perspektive der ersten Person besteht, so haben wir ein Mittel gewonnen, mit dem wir verständlich machen können, wie ein Subjekt sich selbst gegeben sein kann, ohne zugleich als ein Subjekt oder als sich selbst gegeben zu sein. Denn wir können jetzt den Begriff einer wesentlich anaphorischen Intentionalität in den von Zahavi angeführten Begriff einer affektiven Gegebenheit einbauen und dadurch zu einer Auffassung der Bewusstheit wenigstens gewisser intentionaler Zustände gelangen, die kein Selbstbewusstsein unterstellt.

IV. Die Bewusstheit von Wahrnehmung

Um diesen Einbau zu leisten, müssen wir jedoch zuerst den Begriff einer affektiven Gegebenheit etwas weiter explizieren. Auffallend ist, dass, wenn Zahavi das damit von ihm Gemeinte verdeutlichen will, er als Beispiele vorwiegend die Wahrnehmung und solche in ihr fundierten intentionalen Zustände wie das anschauliche Sich Vorstellen von bzw. das anschauliche Sich Erinnern an etwas anführt—siehe Zahavi 2004, S.69, 2007, S.67 und 2009, S.555. Die affektive Gegebenheit betrifft also im eigentlichsten Sinn die Wahrnehmung und andere in ihr fundierte ‘anschauende’ intentionale Zustände, wie natürlich auch Empfindungen und dergleichen.

Nehmen wir nun an, ein wahrnehmendes Subjekt A schaut sich ein zackiges Gebirge am Horizont an.23 Wir können A sinnvoll fragen, wie das Gebirge aussieht. A antwortet, „Eher spitz- als stumpwinkelig, wegen der Entfernung kleiner als es tatsächlich ist, an den Spitzen mit weißem Schnee bedeckt, auch wenn der Schnee im Abendlicht eher gelblich erscheint, von davor wachsenden Bäumen zum Teil verdeckt, deren Blätter schon herbstlich rot sind, allerdings bin ich mir nicht sicher, bin ich doch etwas farbblind.“ Es leuchtet intuitiv ein, dass A auslegt, wie ihm ein zackiges Gebirge vor ihm am Horizont so erscheint, d.h., wie es sich ihm als ein zackiges Gebirge vor ihm am Horizont gibt. Daran zeigt sich, dass die Wahrnehmung von A eine sinnlich-anschauliches Komponente enthält, deren funktionale Rolle es ist, darzustellen, wie eine intentionale Komponente, die wir durch den sprachlichen Ausdruck „ein zackiges Gebirge vor ihm am Horizont“ wiedergeben, instanziert ist—sowohl objektiv, als auch perspektivisch in Bezug auf A, als auch aufgrund der physiologischen Beschaffenheit von A. Im allgemein besteht eine solche Wahrnehmung aus zwei sich funktional ergänzenden Momenten, einem sinnlich-anschaulichen, mithin nicht-begrifflichen und einem instanzierbaren, folglich auch begrifflichen.24 Jenes dient dazu, dieses als in der und der Besonderheit instanziert zu geben. Schliesslich könnte der intentionale Gehalt „ein zackiges Gebirge vor ihm am Horizont“ auf verschiedenste Weise instanziert sein. Also, nur dank einem sinnlich-anschaulichen Wie, in dem sie einen intentionalen Gehalt gibt oder gar entdeckt, vermag die Wahrnehmung ihr Subjekt in kognitive Beziehung zu einem Individuum zu setzen, zu dem es sich zweckorientiert verhalten kann.

Also nur indem sie irgendwie darüber „informiert“, wie etwas ist, was es ist, kann die Wahrnehmung eine Rolle bei der Gestaltung zweckorientierten Verhaltens spielen. Wenn ich mich z.B. auf ein von mir benötigtes Buch, das auf einem vor mir stehenden Tisch liegt, hin bewege, um nach dem Buch zu greifen und mit der Hand aufzuheben, so lasse ich mich nicht nur davon leiten, dass das Buch vor mir auf dem Tisch liegt, sondern auch davon, wie das der Fall ist: wie der Tisch zu mir steht, etwa schräg, wie das Buch auf dem Tisch liegt, etwa rechts oben in der Ecke, wie lang, breit und dick das Buch ist usw. Insbesondere lasse ich mich davon leiten, wie sich diese räumlichen Tatbestände über einen gewissen Zeitraum hinweg perspektivisch verschieden zeigen, wie ich mich auf das Buch hin begebe. All das setzt voraus, erstens, dass meine Wahrnehmung einen zeitlich einheitlichen intentionalen Gehalt besitzt, der als in einer sich kontinuierlich wandelnden Weise instanziert erscheint, je nachdem ich mich zu den von mir wahrgenommenen Gegenständen verhalte; und zweitens, dass in diesem einheitlichen Gehalt nicht nur die von mir wahrgenommenen Gegenstände, sondern auch ihre Beziehung zu mir repräsentiert wird; eine Beziehung, die sich ebenfalls verschieden zeigt, je nachdem ich mich zu diesen Gegenständen verhalte. Wie ich mich auf das von mir benötigte Buch hinbegebe, nehme ich kontinuierlich das eine wahr, nämlich, wie das von mir benötigte Buch auf einem vor mir stehenden Tisch liegt.

Jetzt wenden wir die These einer wesentlich anaphorischen Intentionalität auf diese Auffassung der affektiven Gegebenheit einer Wahrnehmung an. Die These gestattet, die erstpersonale Redeweise, deren ich mich hier bedient habe, als etwas zu betrachten, was nur auf der Beschreibungsebene erforderlich ist, etwa zwecks Selbsterklärung und -rechtfertigung meines Handelns oder gar zwecks Entfaltung und Begründung einer philosophischen Hypothese darüber, was es heisst, etwas wahrzunehmen. M.a.W., die These gestattet, die anaphorisch-drittpersonale Charakterisierung meiner Wahrnehmung, die ja stets möglich ist, als etwas zu betrachten, was das An-sich-Sein meiner Wahrnehmung artikuliert. „Bruin sieht, wie das von ihm benötigte Buch vor ihm auf dem Tisch liegt.“ Zu beachten ist die Rolle, die das anaphorisch verwendete drittpersonale Pronomen in dieser Charakterisierung spielt: es deutet die Weise an, in der sich der intentionale Gehalt einer Wahrnehmung auf sein Subjekt beziehen muss, damit dieser Gehalt in einem sinnlich-anschaulichen Wie der Gegebenheit eingebettet sein kann. Insofern markiert das Pronomen die Stelle, an der in der Wahrnehmung Begriff und Anschauung eine unzertrennliche Einheit eingehen; insofern bildet der Bezug auf das Subjekt, den das Pronomen artikuliert, eine wesentliche Komponente der affektiven Gegebenheit, des „Wie-es-ist“ im Sinne von Nagel.

Darin erblicken wir das Körnchen Wahrheit, das in der Rede vom Subjekt als Dativobjekt steckt. Zahavi hat insofern recht, als das Nagel’sche „Wie-es-ist“ immer ein „Wie-es-einem-ist.“ Doch nur unter Annahme der falschen Prämisse 3. ergibt sich daraus ein „Wie-es-mir-ist.“ Löst man nun diese falsche Prämisse durch Prämisse 3*. ab, so ergibt sich eine affektive Gegebenheit, in der das Subjekt zwar immer noch gegeben ist, aber nicht als Subjekt. Auf dieser Basis lässt sich dann mehrfach bestimmen, was es heisst, etwas bewussterweise wahrzunehmen. Erstens und am fundamentalsten ist die Bewusstheit einer Wahrnehmung nichts anderes als die affektive Gegebenheit selbst—eine Gegebenheit des Subjekts samt seinem Zustand, die, wie wir jetzt sehen, keine Gegebenheit als Subjekt unterstellt. In diesem ersten und fundamentalsten Sinn kann auch das Blindsehen25 als bewusst gelten. Denn auch wenn ein Subjekt etwas blind sieht, so erscheint ihm doch das Wahrgenommene in einer gewissen Wie der Gegebenheit, was sich gerade daran zeigt, dass es sich auch blindsehend zu dem Wahrgenommenen immer noch verhalten kann. In diesem ersten Sinn sind also alle Wahrnehmungen bewusst.

Zweitens besteht die Bewusstheit einer Wahrnehmung in der affektiven Gegebenheit einer normalen, nicht pathologischen Wahrnehmung eines Subjekts, das auch in der Lage ist, auf seine intentionalen Zustände zu reflektieren. In diesem zweiten Sinn nahm das Subjekt A bewussterweise wahr, wie sich ein Gebirge vor ihm am Horizont erstreckt, da dieses Subjekt diese Wahrnehmung auslegen kann. In diesem Sinn war die Wahrnehmung von dem kleinen Mops nicht bewusst.

Drittens besteht die Bewusstheit einer Wahrnehmung in der faktischen Begleitung durch eine solche Reflexion. Das Subjekt A sieht, was es sieht, und denkt gleichzeitig explizit und sogar erstpersonal, „Ich sehe, wie sich ein zackiges Gebirge vor mir am Horizont erstreckt.“ Das kann der kleine Mops nicht. Er sieht, was er sieht, lässt aber seine Wahrnehmung nicht begleiten, und kann sie auch nicht begleiten lassen, von einem solchen höherstufigen Gedanken.

V. Schluss—Weitere Konsequenzen

Bis jetzt ist nicht geklärt, worin das explizite und insbesondere das erstpersonale Denken besteht. Das könnte den Verdacht erwecken, dass die These von wesentlicher Anaphora das Phänomen des ‘Ich’-Denkens implizit verfälscht, etwa im Stil der sogenannten Reflexionstheorie des Selbstbewusstseins.26 Doch m.E. ist dieser Verdacht zumindest insofern unberechtigt, als man unter einem solchen Denken jenes Widerfahrnis versteht, welches darin besteht, dass einem etwas gleichsam leibhaft durch den Kopf geht. Was Perry in dem Supermarkt widerfährt, stellt ein glänzendes Beispiel hierfür: ihm blitzt innerlich auf, „Ich bin es, der eine Sauerei macht!“ An diesem Aufblitzen ist nun dreierlei zu beobachten. Erstens, es besitzt einen anschaulichen Charakter: Perry hört sich gleichsam innerlich sprechen oder vielmehr behaupten. Spontan stellt sich er in anschaulicher Weise vor, wie er behauptet, d.h., wie es ist, dass er behauptet, dass er es ist, der die Sauerei macht. Zweitens, sein bildhaftes Sich-Vorstellen, wie er etwas behauptet, ist kein eitles Fantasieren.27 Denn dadurch, dass er sich spontan vorstellt, wie er behauptet, dass er es ist, der die Sauerei macht, erwirbt Perry die entsprechende Meinung, woraufhin er sein Verhalten ändert. Schliesslich drittens ist in dieser Explikation die anaphorische Verwendung des drittpersonalen Pronomens nicht nur notwendig sondern auch hinreichend. Die These von wesentlicher Anaphora zieht also so wenig eine Fehldarstellung des ‘Ich’-Denkens nach sich, dass eigentlich erst sie es möglich macht, dieses Phänomen richtig zu verstehen und ihm dadurch jene Rätselhaftigkeit zu nehmen, die ihm philosophiegeschichtlich anhaftet.

Schliesslich möchte ich darauf hinweisen, wie die Anerkennung einer wesentlichen Anaphora eine Klärung dessen ermöglicht, was Perry vorschwebt, wenn er von Akteur-relativer Erkenntnis („agent-relative knowledge“) spricht. Auch Perry erkennt, dass im Gehalt einer Wahrnehmung die oben herausgestellte Beziehung der wahrgenommenen Gegenstände zum Wahrnehmungssubjekt enthalten sein muss, damit die Wahrnehmung ihre handlungsgestaltende und -führende Rolle spielen kann. Gleichzeitig erkennt er, dass es ungereimt ist, bei solchen ganz grundlegenden Formen der Intentionalität wie der Wahrnehmung von einer im Gehalt enthaltenen Repräsentation des Wahrnehmungssubjekts zu sprechen. Deshalb legt er die Wahrnehmung aus als eine Erkenntnis, die zwar auf das Subjekt wesensgemäß bezogen ist, nicht aber in dem Sinn, dass es im Gehalt eine Repräsentation des Subjekts gibt. An dieser Stelle macht sich nun der verhängnisvolle Einfluss von Prämisse 3., der auch Perry beipflichtet, geltend: weil der Gehalt einer solchen Wahrnehmung keine Repräsentation des Subjekts enthält, enthält er auch keinen echt referientiellen Bezug auf das Subjekt! Die Beziehung zum Subjekt ist nicht artikuliert im Gehalt, sondern wird durch den Kontext festgelegt.

Wir lassen Perry selbst erklären, was er damit meint:

Würde sich unser Erkenntnisvermögen darauf beschränken, bloß die Beschaffenheit von Gegenständen aufzudecken, die uns unmittelbar umgeben, mit denen wir unmittelbar zu tun haben, bräuchten wir nur selbstlose Gedanken. (Perry 1998, in Perry 2000, S.329)

Was Perry unter einem selbstlosen Gedanken versteht, wird mit dem folgenden Beispiel verdeutlicht:

Ich sehe einen Apfel vor mir. Ich hebe ihn auf und esse ihn. Die komplexe Bewegung von Arm, Hand, Finger, Hals und Kiefer, durch die der Apfel in meinen Mund gelangte, gelang, weil er in einer gewissen Entfernung und Richtung vor mir lag. Durch die Wahrnehmung muss ich also erfahren haben, wie weit entfernt und in welcher Richtung der Apfel vor mir lag. … (E)s scheint [also], dass ich wissen muss, wer es ist …, vor wem der Apfel in der und der Entfernung und in der und der Richtung lag. Wenn er in der Entfernung oder Richtung vor Dir oder Präsidenten Clinton liegt, dann wäre meine Bewegung keine Weise, den Apfel zu essen.

Doch das ist irreführend. Es wäre ganz natürlich, davon zu berichten, was ich sah, indem ich einfach sagte:

Das ist ein Afpel

oder

Es ist ein Apfel da.

Nichts in dieser Feststellung bezieht sich referentiell auf mich. Und warum schliesslich sollte sie sich auf mich beziehen? Mich selber habe ich nicht gesehen, ich sah einen Apfel. Aber, so könnte man erwidern, … ich habe irgendwie doch die Informationen bekommen, dass der Apfel in einer gewissen Entfernung und Richtung vor mir lag. Wie hätte ich sonst wissen können, dass ich an ihn heran könnte? (Perry 1998, in Perry 2000, S.327-328)

Der Schlüssel zum Verständnis dieser Passage liegt in den von Perry als Beispiele angeführten Berichten „Das ist ein Apfel“ und „Es ist ein Apfel da.“ Bei diesen Berichten, die nach Perry den Gehalt seiner handlungsführenden Wahrnehmung wiedergeben soll, handelt es sich tatsächlich um keine, die sich referientiell auf ihr Subjekt, nämlich Perry selbst, beziehen. Auffallend ist aber, dass sie eigentlich Berichte oratio recta sind: ein Satz wird zitiert, um den Gehalt der einschlägigen Wahrnehmung wiederzugeben. Das verrät etwas Wichtiges: um die These aufrecht zu erhalten, dass die Wahrnehmung, durch die er sein Aufheben und Essen des Apfels steuert, keinen echt referentiellen Bezug auf ihn enthält und dennoch die nötigen Informationen über Entfernung und Richtung vermittelt, muss Perry annehmen, dass die Darstellung oratio recta des Wahrnehmungsgehalts ursprünglich ist. M.a.W., Perry muss annehmen, dass die Darstellungen, „Perry sieht, „Das ist ein Apfel“,“ bzw. „Perry sieht, „Es ist ein Apfel da““ (oder aber auch, „Ich, John Perry, sehe, „Das ist ein Apfel“,“ bzw. „Ich, John Perry, sehe „Es ist ein Apfel da““) den Gehalt seiner Wahrnehmung eigentlich wiedergäbe, während die entsprechenden Darstellungen oratio obliqua uneigentlich wären.

Das geht aber, wie wir im Abschnitt III gesehen haben, ganz und gar nicht. Denn die Darstellung oratio recta ist im Grunde eine dispositionelle Characterisierung und sie ist, obwohl stets möglich, nicht ursprünglich, sondern derivativ bzw. abgeleitet. Wenn also der Gehalt dieser Wahrnehmung ein, wie Perry selbst sagt, „selbstloser Gedanke“ in dem Sinn ist, dass er keine Repräsentation seines Subjekts, ob nun dritt- oder gar erstpersonal, enthält, so lässt sich das nur so explizieren, dass man sagt, die Wahrnehmung von Perry bzw. ihr Gehalt bezieht sich in der Weise auf ihn, dass die anaphorisch-drittpersonale Darstellungsweise erforderlich wird. Sie ist es, die die Wahrnehmung und ihren Gehalt eigentlich, d.h., in ihrem völlig durchsichtigen An-sich-Sein, wiedergibt.28 Damit hat man die Möglichkeit eingeräumt, dass sich ein intentionaler Gehalt auf etwas beziehen kann, insbesondere, auf das Subjekt des intentionalen Aktes, dessen Gehalt er bildet, ohne eine Repräsentation zu enthalten, der diesen referentiellen Bezug leistet. Doch Perry will diese Möglichkeit nicht zulassen, weil sie dem widerspricht, was er (Perry 1979, in Perry 2000, S.29) als den ersten Grundsatz der traditionellen Lehre von Propositionen bezeichnet: dass ein kognitiver Zustand eine Relation im wortwörtlichen Sinn zwischen einem Subjekt und einem propositionalen Objekt ist—was offensichtlich erfordert, dass die relata unabhängig voneinander bestehen.

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Notes

  1. Siehe u.a. Zahavi 2004, 2007 und 2009.

  2. Der angeblich phänomenologischen Auffassung zufolge kann das nicht richtig sein. Denn wenn sie in genau demselben Sinn auf etwas bezogen wären, können sich die Zustände z’ und z nicht auf Verschiedenes beziehen. Schliesslich gilt, dass zwei intentionale Zustände, wenn sie miteinander identisch sind, sich auf dasselbe richten müssen. Ihre naive Annahme macht die neo-Brentanische Auffassung unstabil; sie droht ständig, sich in ihr Gegenteil, die „Zustand höherer Ordnung“ Auffassung, zu verkehren. Die Bezogenheit von dem Zustand z’ auf z darf also keine echt intentionale, echt setzende Bezogenheit sein, wie es die von dem Zustand z auf seinen Gegenstand ist.

  3. Siehe Zahavi 2009, S.555.

  4. Siehe Nagel 1974.

  5. Die von Sartre tatsächlich vertretene, angeblich phänomenologische Auffassung würde natürlich bestreiten, dass es sich bei diesem Sich-Seiner-Gewahr-Werden darum handelt, dass das Subjekt von z sich selbst als sich selbst erkennt. Darin besteht ja der entscheidende Unterschied zwischen der angeblich phänomenologischen und der neobrentanischen Auffassung. Gegen Sartre und deshalb auch Zahavi könnte man natürlich dann sehr wohl einwenden, dass es unsinnig ist, von einem Sich-Seiner-Gewahr-Werden zu reden, das kein Sich-Selbst-(als-Sich-Selbst)-Erkennen ist.

  6. Im Abschnitt IV gehe ich darauf ein, was die affektive, im Abschnitt V, was die erstpersonale Gegebenheit beinhalten könnte.

  7. Siehe auch Perry 2006, S.213-214.

  8. Perry meint nicht, dass ich mich zusammenkauere. Es handelt sich hier um keine blosse Angstreaktion, sondern um die vernünftige Anwendung einer (allerdings aus dem Volksmund stammenden) Methode, sich vor dem Angriff eines Bären zu retten. Dadurch, dass man sich einrollt, soll der Bär das Interesse verlieren, er betrachtet einen nicht länger als Bedrohung.

  9. Es handelt sich hier offensichtlich um Typenidentität.

  10. In diesem kurzen Vortrag kann ich nicht auf die Folgen dieser Einsicht für die intentionalen Zustände eingehen, die in dem Sinn personal sind, dass sie in ihren Gehalten einen Bezug auf eine Raum- bzw. Zeitstelle enthalten, der von der Identität des Subjekts bzw. des intentionalen Zustands selbst abhängt. Es gilt nur anzumerken, dass man auch zu der Wesentlichkeit der Indexikalien ‘hier’ bzw. ‘dort’ (die in ihrer Einheit das ‘Da’ des Subjekts bilden!) und ‘jetzt’ nur über Prämisse 3. gelangt. Erst durch sie entsteht der Vorrang dieser indexikalischen Adverbien vor der eindeutig anaphorisch-präpositionalen Phrase „vor ihm“ und dem anaphorisch verwendeten Adverb ‘dann’. Was das Adverb ‘dann’ anbetrifft: zwar kann man nicht sagen, „Angela Merkel glaubt (jetzt), dass sie dann Bundeskanzlerin ist.“ Man kann aber sagen, „Angela Merkel glaubte (zu vergangener Zeit t), dass sie dann Bundeskanzlerin ist.“ Ferner kann sagen, „Angela Merkel glaubt (jetzt), dass sie zur Zeit Bundeskanzlerin ist“ und „Angela Merkel glaubte (zu vergangener Zeit t), dass sie zu der Zeit Bundeskanzlerin ist.“ Es scheint also, dass die Ungereimtheit von „Angela Merkel glaubt (jetzt), dass sie dann Bundeskanzlerin ist“ damit zusammenhängt, dass sich das Adverb ‘dann’ immer auf eine Zeit bezieht, die aus der Perspektive des Sprechenden, also des Zuschreibenden, vergangen ist. Ähnliches gilt natürlich auch von ‘jetzt’. Es gilt also zu unterscheiden: einerseits der nur anaphorisch darzustellende Bezug des Gehalts auf die Zeit des Zustands, der ihn enthält, andererseits, der Bezug aus der Perspektive des Sprechenden bzw. Zuschreibenden auf diese Zeit selbst, der sich in dem Tempus des psychologischen Verbs, mit oder ohne Hilfe eines an das Verb gebundenen Adverbs, ausdrückt.

  11. Für ein ausführliches Argument für diese These siehe Christensen 2015a, insbes. § 2.2.

  12. Ein dispositionelles Verständnis findet sich bei den meisten Autoren vor, allerdings kaum oder sogar gar nicht artikuliert. Denn ein solches Verständnis liegt der weit verbreiteten Neigung zugrunde, angeblich indexikalische und erstpersonale Glaubenszustände oratio recta zuzuschreiben, durch Sätze der Form „A glaubt, „Ich bin F“,“ und vermutlich auch, will man konsequent sein, „Der kleine Mops glaubt, „Ein aggressiver Pitbull läuft auf mich knurrend zu““. Dabei übersieht man, dass die Zuschreibung oratio recta die Zuschreibung oratio obliqua voraussetzt; dieser Vorwurf ist ja eigentlich nur eine andere Art und Weise, die hier dargestellte Kritik an dem dispositionellen Verständnis zu formulieren.

  13. Das ist eigentlich ungenau, weil es immer noch nicht gestattet, von den indexikalischen und insbesondere erstpersonalen Glaubenszuständen nicht-sprachlicher Wesen zu sprechen. Denn diese können die einschlägige Disposition nicht actualiter besitzen, sie kann ihnen nur kontrafaktisch unterstellt werden. Daraus ergibt sich die folgende noch schwächere Bestimmung von „indexical“ und insbesondere „first person belief“:
    Das Subjekt A befindet sich dann und nur dann in dem indexikalischen und insbes. erstpersonalen Zustand des Glaubens, dass es F ist, wenn es, falls es überhaupt sprechen könnte, dazu disponiert wäre, den Satz „Ich bin F“ zu äußern.

  14. Das ist eigentlich schon längst gesehen worden. Schon im Jahre 1966 hat Carl Ginet versucht, das anaphorisch verwendete drittpersonale Pronomen in psychologisch-intensionalen Kontexten mit Hilfe des erstpersonalen Pronomens zu analysieren. Nach Ginet glaubt A, dass er F ist dann und nur dann, wenn A glaubt die Proposition, die er mit dem Satz „Ich bin F“ ausdrücken würde, würde er diesen Satz äußern. Castañeda hat aber darauf hingewiesen, dass diese im Grunde dispositionelle Analyse zirkelhaft ist—siehe Castañeda 1966, S.45-46, sowohl für Castañedas Darstellung des von Ginet gemachten Vorschlag als auch für seine Kritik daran. Diese Zirkelhaftigkeitzeigt sich daran, dass es nicht hinreicht, dass A den Satz „Ich bin F“ irgendwie bzw. zu irgendeinem Zweck äußert. A muss diesen Satz zu dem Zweck äußern wollen, das, was er glaubt, völlig klar auszudrücken. Also, A muss schon wissen, welchen Gehalt dieser Satz ausdrücken kann und welchen Gehalt er ausdrücken würde, wenn A ihn aufrichtig äußern würde. Ja, A muss von vorherein wissen, was er glaubt, nämlich, dass er F ist.

  15. Spätestens in Perry 1990, dem Aufsatz, in dem er seine Lehre von „Selbstbegriffen“ („self-notions“) einführt. Perry bekennt sich zu der Notwendigkeit einer strukturellen Charakterisierung auch in seinem späteren Beitrag zur Festschrift für Stalnaker, dort, nämlich, wo er schreibt, dass der Begriff einer reflexiven Wahrheitsbedingung (den er von Reichenbach übernommen hat, ohne aber im Stil von Reichenbach zu behaupten, dass diese Bedingung den Gehalt eines Glaubenszustands festlegt) „ … gives us a way of distinguishing ways of believing things [was er auch kognitive Zustände („belief states“) nennt] in terms of the semantics [d.h., der intentionalen Struktur] of the belief rather than the semantics [d.h., der semantischen Struktur] of the utterance the belief might dispose one to utter.“ (Perry 2006, S.218) Damit aber eine reflexive Wahrheitsbedingung eben nicht zu einer gehaltsbestimmenden wird, sieht sich Perry gezwungen, seine Lehre von Begriffen („notions“) und Ideen („ideas“), insbesondere, von Selbstbegriffen, einzuführen. Tatsächlich ist diese Lehre schwer verständlich, ihre Leistung unklar, und ihre Kohärenz zweifelhaft. Darauf kann ich hier nicht ausführlich eingehen. Aber siehe Anmerkung 18.

  16. Siehe Perry 2002, S.196-197.

  17. Damit bekennt sich Perry zur Hypothese einer Sprache des Denkens im Sinne von Fodor; siehe in diesem Zusammenhang Crimmins and Perry 1989, in Perry 2000, S.215.

  18. Außerdem gibt es viele weitere Probleme mit der Rede von Begriffen, Ideen und insbesondere Selbstbegriffen. Diese lassen sich im Grunde in zwei Gruppen aufteilen. In die erste Gruppe gehören alle die Probleme, die damit zusammenhängen, dass das, was Perry unter einem Selbstbegriff versteht, äussert unklar und, wie es scheint, zweideutig bestimmt wird. Perry will nämlich den Selbstbegriff informationstheoretisch verstehen, einerseits als einen Speicher bzw. Puffer, in dem Representationen von das Subjekt enthaltenden Russell’schen Propositionen (Informationen) abgelegt sind, Repräsentationen, die folglich auf das Subjekt irgendwie referieren; andererseits aber, als einen Bestandteil solcher Repräsentationen selbst. Diese Zweideutigkeit wird nie beseitigt und sie is sicherlich nicht harmlos. In die zweite Gruppe gehören alle die Probleme, die damit verbunden sind, dass, wie Perry klar erkennt, der Selbstbegriff nicht als theoretisch primitiv angesetzt werden darf, sondern in irgendeinem Sinn expliziert werden muss. Es ist jedoch zweifelhalt, ob die Klärung, die Perry vornimmt, das leistet, was sie leisten soll. Er versucht nämlich, den Selbstbegriff durch Rückgriff auf sogenante epistemische ‘Methoden’ des Informationerwerbs und pragmatische ‘Methoden’ der Handlungsgestaltung zu definieren. Ganz abgesehen davon, dass das Wort ‘Methode’ unangebracht zu sein scheint—eine Methode ist sicherlich etwas, was bewusst angewandt wird—, ist die Definition äußerst unklar. Unterscheiden sich solche ‘Methoden’ voneinander durch die Art Information bzw. Handlung, in die sie münden, so kann der Rückgriff auf sie den Begriff eines Begriffs, inbesondere, eines Selbstbegriffs, offensichtlich nicht explizieren, weil er diesen schlichtweg voraussetzt. Sofern jedoch dieser Rückgriff die Lehre von Begriffen und Ideen nicht einfach voraussetzt, bleibt unauflöslich unklar, was eigentlich geleistet wird. Eines ist aber klar: obwohl Perry gelegentlich das Gegenteil unterstellt, kann das, was er „information“ nennt, nicht sogenanntes „designational content“ sein. Denn dieses ist im Grunde eine Russell’sche Proposition (oder etwas eng damit Zusammenhängendes). Wäre aber „information“ „designational content,“ so würde es sich dabei um ein geordnetes n-Tupel handeln, dessen Mitglieder die referierten Gegenstände und Eigenschaften von intentionalen Zuständen und Sprechakten sind. Es leuchtet ein, dass „information“ in diesem Sinn nicht im Gehirn bzw. Geist auftreten kann. Deshalb müssen Informationen eigentlich Repräsentationen von „designational contents“ sein. Und dann wird erst recht die Frage danach dringend, ob epistemische und pragmatische ‘Methoden’ wirklich dazu eingesetzt werden können, die semantische Struktur von Informationen zu definieren, statt sie von vornherein vorauszusetzen. Im allgemeinen ist die spätere Lehre von „belief,“ die Perry nach Einsicht in die Unzulänglichkeit seiner früheren dispositionellen Lehre aufstellt, äußert unbefriedigend.

  19. Es gibt also hier kein Tertium, das weder erstpersonal noch drittpersonal ist. Offensichtlich kann man hier nicht von Zweitpersonalität reden, denn das lässt der Gehalt des Zustands, in dem sich A befindet, wenn A glaubt, dass er F ist, nicht zu.

  20. Dass die Charakterisierung oratio recta die Charakterisierung oratio obliqua voraussetzt, schliesst im Prinzip nicht aus, dass es auch eine umgekehrte Abhängigkeit dieser von jener gibt. Erst das Beispiel von dem kleinen Mops schliesst diese Möglichkeit aus, zeigt also, dass es sich hier um keine Gleichursprünglichkeit handelt.

  21. Natürlich kann man solche nur drittpersonal-anaphorisch völlig durchsichtig darzustellenden intentionalen Zustände, genauso sehr wie alle anderen intentionalen Zustände, auf verschiedenste Weise darstellen, wobei einige den Gehalt des Zustands weniger durchsichtig darstellen als andere. (Eine Darstellung ist um so durchsichtiger, je besser sie den Gehalt des Zustands in dessen handlungsmotivierender Kraft darstellt.) Zu solchen anderen Darstellungsweisen gehört auch die erstpersonale, die das Subjekt des Zustands, falls es der Perspektive der ersten Person überhaupt fähig ist, u.U. leisten würde. Diese alle, einschliesslich der erstpersonalen Darstellung oratio recta, setzt die drittpersonal-anaphorische oratio obliqua voraus.

  22. Sie hat auch weitere, äußert schwerwiegende Folgen, z.B., für die Hypothese einer Sprache des Denkens im Sinne von Fodor, aber auch und insbesondere für die Lehre von propositionalen Einstellungen. Denn die These beinhaltet, dass man nicht in allen Fällen von Propositionen in dem herkömmlichen Sinn sprechen kann. Die traditionelle Lehre von propositionalen Einstellungen geht davon aus, dass das Gesagte bzw. Gedachte immer einem freistehenden Satz entspricht, und sei es nun auch einem indexikalischen Satz, der sich nur mit Hilfe des nicht-linguistischen Kontexts auf einen Gegenstand bezieht. Denn der Satz „dass es F ist“ bezieht sich nur mit Hilfe eines linguistischen Kontexts, nämlich, des Satzteils „A glaubt, …“. Warum aber wird das Gesagte bzw. Gedachte in diesem objektivierenden Sinn verstanden? Weil man an dem Frege’schen These festhalten möchte, dass „ein Begriff … eine Funktion [ist], deren Wert immer ein Wahrheitswert ist.“ (Frege, 1980/1891, S .15/28) Das setzt voraus, dass das Gegenstück zu einer Bezeichnung für einen Begriff, der Subjektterminus, als Ausdruck für das Argument einer Funktion spielen kann, sich folglich ohne Hilfe von dem linguistischen Kontext bezieht, in den es eingebettet ist. Denn nur Konstanten und Variablen können als Ausdrücke für Funktionsargumente auftreten, und sie erben ihren Gegenstandsbezug von anderen Termini nicht, auch wenn sie Hilfe von dem nicht-linguistischen Kontext benötigen, um sich auf etwas referentiell zu beziehen. (Dass das anaphorisch verwendete drittpersonale Pronomen ‘er’ in solchen linguistischen Kontexten wie „A glaubt, dass er F ist“ keine von dem vorangestellten singulären Terminus gebundene Variable ist, habe ich in Christensen 2017 gezeigt—siehe S.24-25.)

  23. Dieses Beispiel ist Peacocke 1992 entnommen.

  24. Auch Peacocke vertritt die Ansicht, dass die Wahrnehmung sowohl eine begriffliche als auch eine nicht-begriffliche Dimension besitzen muss—siehe Peacocke 1992. Allerdings scheint er ihre Einheit nicht richtig zu klären und sogar klären zu können.

  25. “Blindsehen (Englisch: Blindsight) bezeichnet eine verbliebene Restfunktion visueller Informationsverarbeitung in Teilen des Gesichtsfeldes, die aufgrund einer Rindenblindheit erblindet sind. Die betroffenen Personen haben in diesen Gesichtsfeldbereichen keine bewussten Seheindrücke, da die Intaktheit der primären Sehrinde offenbar eine Voraussetzung dafür ist. Dennoch können sie auf dargebotene visuelle Reize sinnvoll reagieren und etwa deren Ort angeben, oder deren Farbe benennen.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Blindsehen) Für eine ausführliche Darstellung der Beschaffenheit und Ursachen des Phänomens siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Blindsight.

  26. Siehe Henrich 1966.

  27. Schliesslich ist zur Ernsthaftigkeit des Sich-Vorstellens, wie man behauptet, dass p, nur erforderlich, dass dieses Sich-Vorstellen zwecks Ermittlung der Wahrheit geschieht. Selbstverständlich muss diese Ermittlung nicht selber bewusst geschehen, d.h., sich aus irgendeinem Entschluss ergeben. Wie die Wahrnehmung selbst, ist auch das Sich-Vorstellen, wie man etwas behauptet, von zu Hause aus auf die Wahrheit ausgerichtet. Das Sich-Vorstellen im Sinne des blossen Fantasierens, des Sich-Einbildens von etwas, ist der parasitäre, abgeleitete Fall, nicht umgekehrt.

  28. Die erstpersonale Darstellungsweise, also, der Selbstbericht oratio obliqua („Ich sehe, wie ein Apfel vor mir (da) liegt“ usw.), fällt gerade deshalb aus, weil sie, wenn sie als die eigentliche verstanden wäre, unterstellen würde, dass der Gehalt der Wahrnehmung eine Repräsentation seines Subjekts enthielte. Man könnte dann nicht behaupten, was Perry behaupten will, nämlich, dass es sich bei dem Gehalt seiner Wahrnehmung um einen „selbstlosen Gedanken“ handelt.